Innovative Lehrprojekte: Akut- und Notfallmedizin in der Primärversorgung
Akute Notfälle können in der Primärversorgung jederzeit auftreten – in der Hausarztordination, im Gesundheitszentrum, im Bereitschaftsdienst oder an der Schnittstelle zur präklinischen Versorgung. Um Studierende gezielt darauf vorzubereiten, wurde am Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV) der Medizinischen Universität Graz das praxisorientierte Wahlfach „Akut- und Notfallmedizin in der Primärversorgung“ entwickelt. Initiiert wurde das Lehrformat von Bernhard Kowalski und Andreas Prenner. Im Mittelpunkt steht ein innovatives Konzept, das Handlungskompetenz durch wiederholtes, strukturiertes und reflektiertes Handeln stärkt.
Das Wahlfach basiert auf einem eigens entwickelten Rapid-Sequence-Simulations-Konzept. Häufige und relevante Notfälle werden in kompakten Sequenzen trainiert. Ziel ist es, fachliche Sicherheit, klinische Entscheidungsfähigkeit, Prioritätensetzung, Teamkommunikation und strukturiertes Vorgehen in akuten Situationen zu fördern.
Insgesamt bearbeiten die Studierenden 15 aufeinander aufbauende Simulationsszenarien zu zentralen akuten Versorgungssituationen wie Anaphylaxie, akutem Koronarsyndrom, Reanimation, Krampfanfall sowie Asthma- bzw. COPD-Exazerbation. Die Szenarien werden mehrfach aufgegriffen, wobei der Schwierigkeitsgrad schrittweise steigt: von gut erkennbaren Präsentationen bis hin zu atypischen Verläufen, höherem Entscheidungsdruck und komplexeren Anforderungen.
Dieses didaktische Prinzip unterstützt gezielt Overlearning: Handlungsabläufe werden über das erstmalige sichere Beherrschen hinaus wiederholt geübt, gefestigt und auch unter Stress abrufbar gemacht. Gerade in der Akut- und Notfallmedizin ist dies wertvoll, da in realen Notfallsituationen rasches, strukturiertes und sicheres Handeln entscheidend für die Patient*innensicherheit ist.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Crew Resource Management und nicht-technischen Kompetenzen. Kommunikation im Team, klare Rollenverteilung, Entscheidungsfindung unter Druck, Prioritätensetzung und der bewusste Umgang mit Hierarchien werden systematisch in die Simulationen integriert. Studierende, die nicht aktiv in der Behandlungsrolle sind, bleiben durch strukturierte Beobachtungsaufgaben eingebunden.
Das Lehrformat ist multiprofessionell ausgerichtet. Es richtet sich an Studierende der Humanmedizin und Pflegewissenschaft und wird von einem multiprofessionellen Lehrenden-Team getragen. Ärztliche und pflegewissenschaftliche Perspektiven werden so im gemeinsamen Lernen, Trainieren und Reflektieren unmittelbar erfahrbar gemacht.
Die Nachbesprechung erfolgt anhand eines adaptierten Debriefing-Konzepts nach dem TALK-Modell, das Reflexion, Teamlernen und Patient*innensicherheit in den Mittelpunkt stellt. Damit schafft das Wahlfach ein praxisnahes, kompetenzorientiertes und simulationsbasiertes Lehrangebot mit Transferpotenzial – und leistet einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der universitären Lehre an der Medizinischen Universität Graz.