Intervallfasten: Zwischen Trend und Tradition
Es klingt einfach: Essen, wann man möchte – solange es in ein bestimmtes Zeitfenster passt, dazwischen wird gefastet. Kein Kalorienzählen, keine komplizierten Diätpläne. Intervallfasten, auch bekannt als „intermittierendes Fasten“, gilt als einer der großen Ernährungstrends der vergangenen Jahre. Doch hinter dem Hype steckt mehr als nur eine Lifestyle-Mode und die Methode steht bereits seit Jahren im Fokus der Forschung. Der Hintergrund ist ernst: Weltweit nehmen Adipositas und metabolische Erkrankungen einen epidemischen Charakter an. Auch in Österreich sind laut Gesundheitsbefragung mehr als 46 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre übergewichtig oder adipös. Damit wird klar: Stoffwechselerkrankungen betreffen längst nicht nur einzelne Fachbereiche, sondern sind eine zentrale Herausforderung für die gesamte Medizin.
An der Medizinischen Universität Graz beschäftigt sich Harald Sourij mit genau dieser Entwicklung. Als Leiter der Kardiometabolischen Trials Unit untersucht er gemeinsam mit seinem Team, wie eng Stoffwechselstörungen mit anderen Erkrankungen verknüpft sind, etwa mit Herz-Kreislauf-, Nieren-, Leber- oder auch hämato-onkologischen Erkrankungen. Die Herangehensweise ist bewusst interdisziplinär: Metabolische Erkrankungen werden nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren vielfältigen Wechselwirkungen. Im Zentrum stehen klinische Studien mit dem Ziel, sowohl neue medikamentöse Therapien als auch Lebensstilinterventionen wissenschaftlich zu evaluieren.
Forschung an der Schnittstelle von Stoffwechsel und Herz
Ein besonderer Fokus des Forschungsteams liegt dabei auf Ernährungsstrategien wie dem Intervallfasten. Verschiedene Fastenregime wie etwa Alternate Day Fasting oder zeitlich begrenztes Essen werden gezielt daraufhin untersucht, wie sie das kardiovaskuläre und metabolische Risikoprofil beeinflussen. „Dass die Reduktion von Energiezufuhr und Körpergewicht bei Übergewicht oder Adipositas zur Reduktion der Diabeteshäufigkeit und zur Verbesserung kardiovaskulärer Risikoprofile führt, ist gut untersucht. Jedoch erweisen sich die kontinuierliche Reduktion der Energiezufuhr und vor allem nachhaltige Effekte auf die Gewichtsreduktion als schwierig. Da kann Intervallfasten eine hilfreiche Option darstellen, da es Menschen oft leichterfällt, an ausgewählten Tagen pro Woche keine oder etwa nur eine Mahlzeit (z. B. nur ein Frühstück) zu sich zu nehmen, als kontinuierlich die Energiezufuhr zu reduzieren“, erklärt Harald Sourij.
Gleich wie bei klassischen Diäten hat die Reduktion der Energiezufuhr einen positiven Effekt auf das Körpergewicht und etablierte kardiometabolische Risikofaktoren. Den grundlegenden Unterschied erklärt der Wissenschafter allerdings so: „Was darüber hinaus passiert, ist, dass regelmäßige, verlängerte Fastenperioden zu einem ‚metabolischen Umschalten‘ hin zu vermehrter Lipolyse, Fettsäureverstoffwechslung und Ketonkörperbildung führen. In diversen mechanistischen Untersuchungen in Tiermodellen begünstigt dies neben Autophagieprozessen auch Zellreparaturprozesse und die Verlangsamung von Alterungsprozessen. Daher ist dieses Forschungsfeld aktuell gerade von großem Interesse – vor allem auch an der Med Uni Graz“, so der Experte.
Stoffwechsel im Wandel: aktuelle Forschung
Während wir essen, ist unser Körper im „Aufbau-Modus“: Energie wird gespeichert, Insulin wird ausgeschüttet, Nährstoffe werden verarbeitet. In den Fastenphasen hingegen stellt der Organismus um. Der Insulinspiegel sinkt, Fettreserven werden mobilisiert, Reparaturprozesse in den Zellen werden aktiviert. Diese Prozesse sind besonders im Kontext moderner Volkskrankheiten relevant. Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Fettleber stehen in engem Zusammenhang mit gestörten Stoffwechselprozessen und genau hier setzen viele Forschungsansätze zum Intervallfasten an.
An der Med Uni Graz wird aktuell gleich mehrfach zu diesem Thema geforscht. Die Kardiometabolische Trials Unit vergleicht gerade in einer vom FWF finanzierten klinischen Studie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes ohne Insulintherapie, wie sich intermittierendes Fasten, regelmäßige körperliche Aktivität (Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining) oder eine Kombination aus beiden auf das Körpergewicht, den Zuckerstoffwechsel, Schlafrhythmus und Schlafqualität oder patient*innenbezogene Outcomes auswirkt. Die erste Phase der Studie ist abgeschlossen und gerade in Auswertung, es sollen aber auch die nachhaltigen Effekte zwei Jahre nach der Intervention untersucht werden.
Im Rahmen des ERA4Health-Projektes OPTIMAMIND, an dem die Trials Unit von Harald Sourij und die Biobank der Med Uni Graz teilnehmen, wird der Einfluss von intermittierendem Fasten auf Marker neurokognitiver Funktionen untersucht. Aber auch das Cluster-of-Excellence-Projekt MetAGE, das Thomas Pieber an der Med Uni Graz leitet und an dem zahlreiche Forschungsgruppen der Med Unis in Graz und Wien und der Uni Graz teilnehmen, befasst sich mit der Thematik. Hier stehen die verschiedenen Aspekte von Alterungsprozessen, der Einfluss von Adipositas auf die Stoffwechselkontrolle bei altersassoziierten Erkrankungen und deren mögliche Beeinflussung durch Ernährungsinterventionen oder etwa die Gabe von Spermidin im Fokus.
Intervallfasten: ein Konzept für alle?
Fasten ist kein neues Konzept, in vielen Kulturen und Religionen gehört es seit Jahrhunderten zur Lebenspraxis. Neu ist jedoch der Blick der modernen Medizin darauf mit der Frage nach den konkreten Effekten für die Gesundheit. Beim Intervallfasten geht es nicht primär darum, was wir essen, sondern darum, wann wir essen. Besonders verbreitet ist die sogenannte 16:8-Methode: 16 Stunden fasten, acht Stunden essen. Andere Varianten wie 5:2 – fünf Tage normal essen, an zwei Tagen stark reduziert – sind ebenfalls populär. Bei allen Optionen stellen sich viele die Frage, welche Intervallfastenmethode für sie am sinnvollsten ist. „Ich sehe hier mehrere Aspekte – wenn es vor allem um eine Maßnahme zur Gewichtsreduktion geht, so ist ganz wesentlich die Präferenz der Person, die dieser Methode für längere Zeit folgen soll. Wenn es um Fragen der Zellreparatur oder von Alterungsprozessen geht, ist die Dauer der Fastenperiode wohl ein wesentlicher Parameter, denn die Fastendauer ist bei 5:2 beispielsweise länger. Was das schlussendlich aber für den Menschen bedeutet, ist aktuell noch Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen, denn sehr viele Daten stammen bis dato nur aus Tiermodellen“, so Harald Sourij. Auch Lebensstilfaktoren wie Schlaf, Stress und Bewegung spielen eine Rolle. „Der Lebensstil scheint einen bidirektionalen Einfluss zu haben – einerseits können Stress und reduzierter Schlaf bzw. auch die Schlafqualität negative Effekte auf den erwähnten ‚metabolischen Schalter‘ haben, andererseits kann intermittierendes Fasten einen Einfluss auf den Schlaf haben. In unseren laufenden Studien werden Erhebungen zu Schlaf und Schlafqualität mitdurchgeführt, um hier weitere Einblicke zu erlangen“, erklärt der Forscher.
So vielversprechend Intervallfasten klingt, es ist kein Allheilmittel. Für manche Menschen kann es sogar problematisch sein: etwa für Schwangere, Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen oder Essstörungen. Auch der Alltag spielt eine Rolle. Wer unregelmäßige Arbeitszeiten hat oder familiär stark eingebunden ist, für den kann ein strikter Essensrhythmus schwer umzusetzen sein. „Jedenfalls würde ich bei untergewichtigen Personen, Personen mit schweren Erkrankungen, Kindern und Schwangeren davon abraten. Bei Menschen mit Diabetes mellitus, die eine Insulintherapie haben, ist eine medizinische Begleitung wichtig, da die Insulindosis angepasst werden muss, insbesondere an den Fastentagen“, betont Harald Sourij.
Hoffnungsträger für die Gesundheit?
Die Liste möglicher Vorteile ist lang: Gewichtsreduktion, bessere Blutzuckerwerte, positive Effekte auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch im Bereich der Zellalterung und Entzündungsprozesse wird intensiv geforscht. Doch nicht alle Erwartungen sind eindeutig belegt. Viele Studien stammen aus Tiermodellen oder sind nur kurzfristig angelegt. Langzeitdaten am Menschen fehlen oft noch. Gerade deshalb sind klinische Studien, wie sie in Graz durchgeführt werden, von zentraler Bedeutung: Sie liefern belastbare Daten dazu, ob und für wen Intervallfasten tatsächlich einen nachhaltigen gesundheitlichen Nutzen bringt.
Die INTERFAST-2-Studie geleitet von der Medizinischen Universität Graz erforschte, ob Intervallfasten für Menschen mit insulinbehandeltem Typ-2-Diabetes sicher und wirksam ist. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Insulintherapie konnte nach zwölf Wochen ein Unterschied im Körpergewicht im Vergleich zur Kontrollgruppe von fünf Kilogramm gezeigt werden. Das ist eine beachtliche Gewichtsreduktion, die mit dem Effekt von durchschnittlichen „Abnehmspritzen“ mithalten kann. Mit der gewählten Anpassung der Insulindosis in der Studie (20 Prozent Reduktion der Basalinsulindosis an den Fasttagen) konnten schwere Unterzuckerungen vermieden werden.
Zwei Jahre nach Beginn der Studie erfolgte eine Nachuntersuchung. In der Intermittierendes-Fasten-Gruppe blieb nahezu die gesamte Gewichtsabnahme erhalten, obwohl nur knapp 60 Prozent der Personen über die zwölf Wochen Interventionsphase hinaus intermittierendes Fasten (auch nur unregelmäßig) praktiziert haben. „In keiner unserer Studien haben wir bisher eine Veränderung des Grundumsatzes durch das intermittierende Fasten beobachtet, was diese anhaltenden Effekte miterklären könnte“, berichtet Harald Sourij. So konnte also ein nachhaltiger Effekt auf die Gewichtsreduktion festgestellt werden, während von der deutlichen Verbesserung der Blutzuckerkontrolle in den ersten zwölf Wochen nach zwei Jahren kein nachhaltiger Effekt zu beobachten war. Die Ursache sehen die Forscher*innen im fortschreitenden Verlauf der Diabeteserkrankung, da alle Studienteilnehmer*innen bereits eine Insulintherapie mit mehreren Injektionen täglich erhielten.
„In unserer aktuellen Studie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wird es ebenfalls eine Nachbeobachtung über zwei Jahre geben. Ernährungsinterventionsstudien bei Menschen, die über längere Zeitspannen gehen und bei denen die Teilnehmer*innen zu einer Ernährungsintervention randomisiert werden, sind jedoch herausfordernd, für viele Personen belastend und nur schwer durchzuführen, wie man sich vorstellen kann“, erklärt der Wissenschafter.
Zwischen Disziplin und Flexibilität
Ein großer Vorteil des Intervallfastens ist seine Einfachheit. Viele Menschen berichten, dass sie sich dadurch weniger mit Essen beschäftigen müssen und ein besseres Körpergefühl entwickeln. Gleichzeitig erfordert die Methode Disziplin und ein gewisses Maß an Flexibilität: Denn nicht jeder Tag verläuft gleich und nicht jeder Körper reagiert gleich.
Intervallfasten ist mehr als ein kurzlebiger Trend. Es steht exemplarisch für einen breiteren Ansatz in der Medizin, Lebensstilfaktoren stärker in Prävention und Therapie einzubeziehen. Angesichts der steigenden Zahl an Menschen mit metabolischen Erkrankungen könnte genau hier ein wichtiger Hebel liegen. Die Forschung von Harald Sourij und seinem Team zeigt: Ernährung ist nicht nur individuelle Entscheidung, sondern ein zentraler Faktor für die allgemeine Gesundheit. Der wichtigste Rat für Menschen, die Intervallfasten ausprobieren möchten: „Jede*r soll sein*ihr individuell optimales Fastenintervall finden, dies kann bei verschiedenen Personen unterschiedlich sein. Bei vorliegenden Erkrankungen sollte eine medizinische Begleitung gesucht werden. Häufig versuchen Menschen, wenn sie motiviert sind, Gewicht zu reduzieren, extreme Maßnahmen zu setzen, um in kürzester Zeit möglichst viel Gewicht zu verlieren – meist ist dieses Vorgehen zum Scheitern verurteilt“, so Harald Sourij. Professionell begleitetes Intervallfasten kann hier der Weg zum gewünschten Ziel sein.
Kontakt
Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie
Medizinische Universität Graz