Gesunde Jahre gewinnen: Wie der Stoffwechsel unser Altern prägt
Warum wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, das Gewicht zu halten? Weshalb steigen Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, obwohl viele Menschen bewusster leben als früher? Die Antworten liegen vielfach tief im Stoffwechsel und unseren Zellen verborgen.
Zwar steigt die Lebenserwartung kontinuierlich, doch mit den gewonnenen Jahren wächst auch die Zahl chronischer Erkrankungen. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie können wir nicht nur länger, sondern gesünder leben?
Genau hier setzt der vom FWF geförderte Cluster of Excellence „MetAGE“ an. Unter der Leitung von Frank Madeo von der Universität Graz, dem stellvertretenden Direktor Thomas Scherer von der Medizinischen Universität Wien sowie Thomas Pieber von der Medizinischen Universität Graz, Leiter des Klinischen Studienprogramms von MetAGE, bündeln mehr als 70 Forscher*innen der Universität Graz, der Medizinischen Universitäten Graz und Wien sowie von JOANNEUM RESEARCH ihre Expertise.
„Wir betrachten Altern nicht isoliert auf Ebene einzelner Organe“, erklärt Frank Madeo. „Entscheidend ist das Zusammenspiel der Stoffwechselprozesse im gesamten Organismus.“
Im Zentrum der Forschung steht die sogenannte Stoffwechselflexibilität, also die Fähigkeit des Körpers, Energiegewinnung und -speicherung flexibel an unterschiedliche Anforderungen anzupassen. Mit zunehmendem Alter verliert dieses fein regulierte System an Präzision. Chronische Entzündungen nehmen zu, die zelluläre Selbstreinigung (Autophagie) lässt nach und die Funktion der Mitochondrien verändert sich.
„Wenn diese Anpassungsfähigkeit nachlässt, steigt die Anfälligkeit für altersassoziierte Erkrankungen“, ergänzt Thomas Scherer. „Genau hier setzen unsere Forschungsansätze an.“
Ein zentrales Projekt innerhalb des Clusters ist die Pro-MetAGE-Studie, die gemeinsam in Graz und Wien durchgeführt wird. Sie untersucht unter anderem, wie Ernährung, kontrolliertes Fasten oder pharmakologische Interventionen metabolische Prozesse beeinflussen können.
„Wir brauchen belastbare klinische Daten“, betont Thomas Pieber. „Nur so können wir aus vielversprechenden molekularen Erkenntnissen konkrete, evidenzbasierte Strategien für Patient*innen entwickeln.“
Die enge Verzahnung von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung gilt dabei als besondere Stärke des Clusters. Erkenntnisse aus Modellorganismen werden systematisch im klinischen Setting untersucht.
Alter ist mehr als eine Zahl
Während MetAGE die biologischen Mechanismen des Alterns entschlüsselt, schafft das Healthy Aging Center der Medizinischen Universität Graz die klinische Infrastruktur für deren langfristige Untersuchung und Anwendung.
Denn Altern ist mehr als das Zählen von Lebensjahren. Neben dem chronologischen Alter gibt es das biologische Alter. Es beschreibt den funktionellen Zustand unseres Körpers. Zwei Menschen können gleich alt sein und dennoch biologisch unterschiedlich altern.
„Das biologische Alter gibt uns Aufschluss darüber, wie gut Stoffwechsel, Organe und Regulationsmechanismen tatsächlich funktionieren“, erklärt Thomas Pieber. „Es macht Alterungsprozesse objektiv messbar.“
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf metabolischen Veränderungen, die als zentrale Treiber vieler altersassoziierter Erkrankungen gelten. Besonders Übergewicht spielt eine bedeutende Rolle, dies allerdings differenzierter, als es die Zahl auf der Waage vermuten lässt.
Körperzusammensetzung im Fokus
Das Healthy Aging Center setzt daher auf präzise Diagnostik der Körperzusammensetzung. Mithilfe des sogenannten „Bod Pod“ lässt sich exakt bestimmen, wie hoch Fett- und Muskelmasse sind und wie sich diese im Verlauf verändern. Zudem wird im klinischen Studienprogramm von MetAGE mit modernen Ganzkörper MRT Verfahren gearbeitet um auch die Fettverteilung individuell zu untersuchen. „Das Gewicht allein ist kein ausreichender Marker für metabolische Gesundheit“, erklärt Thomas Pieber. „Entscheidend ist, wie sich Fett verteilt, ob Muskelmasse erhalten bleibt und wie sich diese Faktoren auf Entzündungs- und Stoffwechselprozesse auswirken.“
Gerade im Rahmen klinischer Studien liefert diese Differenzierung entscheidende Erkenntnisse. Wenn neue Wirkstoffe oder Lebensstilinterventionen getestet werden, geht es nicht nur um Gewichtsreduktion, sondern um eine nachhaltige Verbesserung der metabolischen Gesundheit.
Forschung im Dialog mit der Bevölkerung
Das Healthy Aging Center versteht sich als Forschungsplattform und klinische Einrichtung zugleich. Studienteilnehmer*innen erhalten eine umfassende Analyse ihres Gesundheitszustands, von metabolischen Parametern über Körperzusammensetzung bis hin zu Biomarkern des biologischen Alterns. Das Interesse ist groß. Viele Menschen möchten wissen, wie es um ihr biologisches Alter steht und welche Faktoren sie aktiv beeinflussen können.
Langfristige Beobachtungsstudien spielen dabei eine zentrale Rolle. Nur durch kontinuierliche Datenerhebung über mehrere Jahre hinweg lassen sich Alterungsprozesse valide analysieren und wirksame Präventions- oder Therapieansätze entwickeln.
Ein strategisches Zukunftsfeld für Graz
Mit dem Healthy Aging Center etabliert die Medizinische Universität Graz gesundes Altern als interdisziplinäres Querschnittsthema – von molekularer Grundlagenforschung über metabolische Mechanismen bis hin zur klinischen Anwendung.
In enger Verbindung mit dem Cluster MetAGE entsteht so ein Forschungsumfeld, das internationale Exzellenz mit regionaler Verankerung verbindet. Graz positioniert sich damit als zentraler Standort für metabolische Alternsforschung.
Die Kernbotschaft bleibt klar: Gesundes Altern ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis komplexer biologischer Prozesse – und zunehmend auch gezielter wissenschaftlicher Strategien.
Der Stoffwechsel steht dabei im Zentrum. Und mit ihm die Frage, wie viele unserer Lebensjahre wir gesund und selbstbestimmt verbringen können.