Essen kann jede*r
Wer sich heute über Ernährung informieren möchte, beginnt meist mit wenigen Klicks. Ein kurzer Blick aufs Smartphone genügt und sofort stehen unzählige Antworten bereit. Welche Lebensmittel gelten als gesund? Was sollte man besser meiden? Welche Ernährungsweise ist wissenschaftlich belegt und welche gerade besonders im Trend? Diese Informationen sind jederzeit verfügbar. In großer Menge, schnell konsumierbar und oft mit großer Überzeugung formuliert. Gerade soziale Medien verstärken diesen Eindruck zusätzlich. Influencer*innen, Gesundheitsplattformen und digitale Ratgeber liefern fortlaufend Empfehlungen, die sich nicht selten auch widersprechen. Im Alltag führt genau diese Fülle jedoch selten zu mehr Klarheit. Viele Menschen kennen das. Man hat sich informiert, einiges gelesen, vielleicht sogar ausprobiert und ist am Ende trotzdem unsicher, was davon wirklich wissenschaftlich fundiert ist. Je größer das Angebot an Informationen, desto schwieriger wird es, einzelne Aussagen einzuordnen und auf den eigenen Alltag zu übertragen.
Obwohl Ernährungswissen heute so leicht zugänglich ist wie nie zuvor, zeigen gesundheitliche Daten ein anderes Bild. Ernährungsmitbedingte Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes mellitus Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen weiterhin zu. Das wirft eine grundlegende Frage auf: Wenn Wissen vorhanden ist, warum gelingt es dann oft nicht, es im Alltag umzusetzen? In der Ernährungsforschung wird dieses Spannungsfeld zunehmend systematisch untersucht. Dabei rückt ein Begriff in den Mittelpunkt, der versucht, genau diese Lücke zu beschreiben: Ernährungskompetenz. Ernährungskompetenz, im internationalen Kontext häufig als „Food Literacy“ bezeichnet, beschreibt die Fähigkeit, Informationen über Ernährung zu verstehen, kritisch zu bewerten und in den Alltag zu integrieren. Dazu gehören Kenntnisse über Lebensmittel ebenso wie praktische Fähigkeiten rund um einkaufen, kochen, Mahlzeiten planen u. v. m.
Entscheidend ist dabei nicht eine einzelne Komponente, sondern das Zusammenspiel aus Wissen, Erfahrung und Anwendung im Alltag. Ernährung wird so als Teil eines ganzheitlichen Gesundheitsverhaltens verstanden. An der Medizinischen Universität Graz wird untersucht, wie diese Kompetenz entsteht und welche Faktoren sie beeinflussen.
Die Entwicklung von Ernährungsverhalten beginnt früh
Der Grundstein des späteren Ernährungsverhaltens wird bereits in der Kindheit gelegt. Geschmacksvorlieben und Ablehnungen entstehen früh in einem individuellen Geschmacksarchiv und können das Essverhalten über viele Jahre prägen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die frühe Erfahrung mit unterschiedlichen Lebensmitteln. Kinder, die regelmäßig Neues probieren, beim Einkaufen eingebunden sind oder gemeinsam mit Erwachsenen kochen, entwickeln häufig ein breiteres und in weiterer Folge auch gefestigtes Ernährungsspektrum. Auch die Struktur von Mahlzeiten ist wichtig. Regelmäßigkeit und gemeinsame Esssituationen steuern Hunger- und Sättigungsgefühl stark und unterstützen den Aufbau eines differenzierten Körperbewusstseins. Ernährungskompetenz entsteht damit nicht nur durch Wissen, sondern auch durch Rhythmik im Alltag.
Zwischen wissenschaftlicher Evidenz und Ernährungstrends
Heute wird Ernährung zusätzlich stark durch digitale Medien geprägt. Social Media, Plattformen und Online-Ratgeber sorgen dafür, dass Ernährungsthemen allgegenwärtig sind. Das hat durchaus auch Vorteile, da Informationen leicht zugänglich sind. Gleichzeitig entstehen dadurch Herausforderungen. Inhalte werden häufig vereinfacht dargestellt oder stark zugespitzt bzw. sehr einseitig präsentiert. Einzelne Lebensmittel werden bewertet, ganze Ernährungsformen einander gegenübergegestellt oder Nahrungsergänzungsmittel als einfache Lösungen präsentiert. Die wissenschaftliche Evidenz liefert aber ein anderes Bild. Die gesundheitliche Wirkung von Ernährung ergibt sich aus dem individuellen Ernährungsmuster. Dementsprechend verändert sich auch die ernährungswissenschaftliche Empfehlungspraxis. Statt einzelner Nährstoffe stehen zunehmend Lebensmittel und Essgewohnheiten im Mittelpunkt. Das erleichtert die Umsetzung im Alltag, weil es weniger um exakte Berechnungen geht, sondern um wiederkehrende Muster.
“Man ist wirklich, was man isst”
Ernährung wirkt auf zahlreiche Bereiche des Körpers. Sie beeinflusst den Energiehaushalt ebenso wie Muskeln, Knochen und das Nervensystem. Auch das Immunsystem steht in engem Zusammenhang mit Ernährungsfaktoren. Darüber hinaus spielt Ernährung eine Rolle bei der Entstehung chronischer Erkrankungen. Gleichzeitig kann sie präventiv wirken und gesundheitliche Entwicklungen positiv beeinflussen. Ernährungskompetenz hilft dabei, diese Zusammenhänge im Alltag besser zu verstehen und zu integrieren. Sie ermöglicht es, den eigenen Bedarf bewusster wahrzunehmen und Ernährung langfristig gesundheitsfördernd zu gestalten. Dabei geht es nicht um Perfektion. Es geht um Orientierung im Alltag. Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel gewinnt dieser Aspekt zusätzlich an Bedeutung. Ernährung trägt wesentlich dazu bei, Gesundheit im höheren Lebensalter zu erhalten und Selbstständigkeit zu unterstützen.
Forschungsschwerpunkte an der Med Uni Graz
An der Medizinischen Universität Graz beschäftigt sich die Forschungseinheit „Translationale Ernährungsforschung“ mit Ernährung als komplexem biologischem und verhaltensbezogenem System. Ein Schwerpunkt liegt auf der präzisen Erfassung von Ernährungsverhalten. Ziel ist es, Methoden zu entwickeln, die reale Essgewohnheiten möglichst genau abbilden. Weitere lebensmittelbezogene Forschungsthemen umfassen die Körperzusammensetzung, insbesondere die Fettverteilung, sowie die Wirkung spezifischer Nährstoffe und pflanzlicher Inhaltsstoffe auf die Fettzellen. Auch die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Darmmikrobiom und Immunsystem werden untersucht. Ebenso relevant sind klinische Fragestellungen wie Lebensmittelunverträglichkeiten und Essstörungen.
Ernährungskompetenz in der medizinischen Ausbildung
Die Bedeutung der Ernährung spiegelt sich auch in der medizinischen Ausbildung wider. An der Medizinischen Universität Graz ist Ernährungsmedizin fest in das Medizinstudium integriert. Theorie und Praxis werden dabei systematisch verbunden. In der Teaching Unit „NutriMEDucation“ stehen Forschung, Lehre und klinische Anwendung in enger Verbindung. Besonders anschaulich wird dieser Ansatz beispielsweise im Format „Culinary Medicine“. Hier werden ernährungsmedizinische Inhalte direkt mit praktischer Zubereitung kombiniert. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dadurch unmittelbar erfahrbar. Der praktische Zugang zeigt, dass Ernährung oft erst dann wirklich verstanden wird, wenn sie selbst erlebt wird.
Ernährungskompetenz als lebenslange Fähigkeit
Ernährungskompetenz entwickelt sich über den gesamten Lebensverlauf. Sie entsteht durch Erfahrungen, wird durch Wissen ergänzt. In einer Zeit hoher Informationsdichte wird es zunehmend wichtig, Inhalte einordnen zu können. Nicht jede Information hat denselben Wert. Nicht jede Empfehlung ist gleichermaßen wissenschaftlich fundiert. Ernährungskompetenz hilft dabei, diese Unterschiede zu erkennen und in konkrete Entscheidungen im Alltag zu übersetzen. Damit wird sie zu einer grundlegenden Gesundheitskompetenz, die weit über das Wissen in Bezug auf einzelne Lebensmittel hinausgeht. Entscheidend ist nicht nur, was wir essen, sondern wie wir Entscheidungen über Ernährung treffen. Ernährung war und ist ein wichtiger Faktor mit enormen Möglichkeiten in der personalisierten Medizin bei Prävention, Diagnose und Therapie.
Fünf Wege zu mehr Ernährungskompetenz
1. Auf die Quelle achten
Nicht jede Information im Internet oder aus anderen Quellen ist wissenschaftlich fundiert. Orientierung bieten beispielsweise Empfehlungen von Expert*innen an Universitäten und Fachgesellschaften. Vorsicht ist geboten, wenn einzelne Lebensmittel als „Wundermittel“ oder „Gift“ dargestellt werden.
2. Einfache Lösungen hinterfragen
Ernährung ist komplex. Aussagen wie „Diese Diät ist für alle geeignet“ oder „Mit diesem Lebensmittel werden Sie gesund“ sind meist ein Hinweis darauf, dass wichtige Zusammenhänge vereinfacht werden.
3. Selbst kochen und Lebensmittel kennenlernen
Wer einkauft, Zutaten verarbeitet und Mahlzeiten selbst zubereitet, entwickelt ein besseres Verständnis dafür, was auf dem Teller landet, und trifft oft bewusstere Entscheidungen.
4. Auf den eigenen Körper hören
Hunger, Sättigung und persönliche Vorlieben sind wichtige Orientierungshilfen. Ernährungskompetenz bedeutet auch, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und nicht jedem Trend zu folgen.
5. Vielfalt statt Verzicht
Eine abwechslungsreiche Ernährung mit unterschiedlichen Lebensmitteln ist meist sinnvoller als starre Regeln oder der vollständige Verzicht auf einzelne Lebensmittel.
Weitere Informationen
Lehrstuhl für Pathophysiologie und Immunologie
Medizinische Universität Graz