Rektorin Andrea Kurz im Interview: Die Zahl der Ärzt*innen könnte sinken

Universität

Das ausführliche Interview über die von der Regierung angekündigten Budgeteinsparungen.

Interview mit Andrea Kurz Interview mit Andrea Kurz Interview - africa-studio.com (Olga Yastremska and Leonid Yastremskiy)

Das kommende Doppelbudget und die damit von der Regierung geplanten Einsparungen im Bereich der Universitäten haben österreichweit für große Aufregung gesorgt. Rektorin Kurz, was haben Sie sich als erstes gedacht, als Sie von den Kürzungen gehört haben?
Ich war im ersten Moment schockiert, aber ich gehe immer schnell in den Planungsmodus. Auch in meiner Zeit in den Staaten hat es schlimme Kürzungen gegeben, durch Veränderungen in Strukturen und Prozessen kann man aber bis zu einem gewissen Grad gegenlenken.

Welche konkreten Auswirkungen hätten die geplanten Kürzungen denn an der Med Uni Graz?
Es wird natürlich darauf ankommen, wie groß die Kürzungen sind, was zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar ist. Aber de facto wird es sich auf alle Bereiche auswirken, also auf Lehre, Forschung und Ausbildung im Klinikum. Man müsste mit weniger Lehrenden größere Gruppen von Studierenden oder Auszubildenden betreuen, was die Qualität beeinträchtigen und die Ausbildung unserer Ärzt*innen verändern würde. Schwierig wird es mit dem weiteren Ausbau innovativer Lehrmethoden, Programmen für Studierende usw., und sicher würden Forscher*innen abwandern. Natürlich würden Kürzungen auch die medizinische Versorgung treffen – man muss sich überlegen, wie viele Ärzt*innen können wir überhaupt noch ausbilden. Die Studiendauer könnte sich verlängern, weil wir z. B. nicht so viele Prüfungstermine anbieten könnten. Das wirkt sich wiederum auf die Zahl der Ärzt*innen in der Steiermark aus. Möglicherweise sind Stellen in Gefahr, speziell wenn wir durch proaktive Maßnahmen wie Umorganisation, Umstrukturierung und Prozessveränderungen oder Nichtweiterführung von Stellen nach Pensionierung nicht das Auslangen finden. Aber doch: Insgesamt könnte die Zahl der Ärzt*innen dann niedriger sein.

Wo würde man das als erstes spüren?
Als Letztes sollte es sich bei der Patientenversorgung aus wirken, aber zu Beginn sicher vor allem im administrativen Bereich, beim allgemeinen Personal und jenem für den Wissenschaftssupport, dass Stellen nicht nachbesetzt werden können oder geplante Stellen nicht ausgeschrieben werden. Man muss sich genau überlegen, was man weiterführen kann. Das wird dann relativ schnell auch bei unseren Publikationen und Drittmitteleinwerbungen spürbar sein.

Markus Zeitlinger meinte, dass das Zurückfahren der Forschung  auch heißen würde, dass die österreichischen Standorte nicht mehr in internationalen Studien wären und dass dadurch gewisse neue Medikamente erst später für österreichische Patient*innen zur Verfügung stehen würden. Sehen Sie das auch so?
Das ist durchaus möglich. Der österreichische Markt ist für die Industrie sowieso nicht extrem interessant, weil er zu klein ist. Wenn man dann auch noch aus diesen Studien fällt, haben wir wirklich ein Problem. Man sieht, dass das Sparen bei der Forschung im Endeffekt immer eng mit der Patientenversorgung verbunden ist. Wir brauchen in der Steiermark eine gewisse Anzahl von Ärzt*innen, nicht nur am Universitätsklinikum, sondern auch in den Regionen.

Wie werden die geplanten Kürzungen im Ausland wahrgenommen?
In den DACH-Ländern ist das ein großes Thema. Und vor einem Jahr hat unsere Regierung noch gesagt, dass wir angesichts der Trump-Regierung quasi der sichere Hafen für Forschende aus den Staaten sind, doch jetzt müssen wir schauen, dass uns die guten Forscher*innen nicht davonlaufen. In dieser Situation sollten wir absolut nicht sein, denn was Österreich so gut macht, ist unser wichtigstes Potenzial, unsere Menschen.

Glauben Sie, haben diese Diskussionen Auswirkungen auf die jungen Menschen, die sich überlegen, Medizin zu studieren?
Nein. Viele wollen Medizin studieren und werden trotz der Verunsicherung aktuell ihren Weg gehen, vielleicht springt ein kleiner Prozentsatz ab. Aber die Motivation halte ich für ausschlaggebender.

Wie schätzen Sie die Stimmung bei Zusammenarbeiten mit der Wirtschaft, bei Drittmittelprojekten ein?
Gute Frage. Wirtschaft, Innovation und universitäres Denken entwickeln sich zusammen weiter. Ich könnte mir schon vorstellen, dass sich die Wirtschaft teilweise von uns abwendet, wenn sie nicht sicher sein kann, dass beispielsweise in einem Labor in einem Jahr noch genug Leute da sind, die die Untersuchungen fortführen können.

Nochmal zu Markus Zeitlinger – er hat auch von der Bereitschaft zu einer Null-Lohnrunde gesprochen. Wie sehen Sie das?
Durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich.

Prinzipiell sind die Diskussionen jetzt in den Herbst verschoben worden. Wie rüstet sich die Med Uni dafür?
Wir – also alle 22 Universitäten gemeinsam – arbeiten derzeit zusammen, um aufzuzeigen, was aus unserer Sicht wichtig wäre, damit Österreich mit der aktuellen Situation fertig werden kann. Das werden wir der Regierung zur Verfügung stellen. Als Med Uni Graz hinterfragen wir schon seit Jahren unsere Strukturen und Prozesse, und schauen, wie wir durch Digitalisierung und mit KI größere Effizienz aufbauen können. Das werden wir aktiv weiter betreiben, denn ein gewisses Maß an Ressourcenverminderung muss stattfinden. Wir Unis werden immer so dargestellt, als wären wir komplett weltfremd. Man unterschätzt, was wir machen. Wir arbeiten zum Beispiel an Kollaborationen zwischen den Universitäten, um Prozesse zusammenzuziehen oder dass wir gemeinsam eine Einheit haben, die sich um Ausgründungen und Spin-offs kümmert und nicht jeder parallel ein System aufbaut.

Welche Themen und Projekte werden die Med Uni Graz im kommenden Studienjahr darüber hinaus beschäftigen?
Wir sind dabei, ein komplett neues Curriculum zu entwickeln, das im Herbst 2027 in Kraft treten wird und wir beginnen in diesem Herbst mit dem neuen Psychotherapiestudium gemeinsam mit der Uni Graz. In der Forschung sind wir dabei, Leuchttürme zu fixieren, auch die digitale Transformation ist ein Riesenthema für uns, an dem wir aktiv für mehr Effizienz arbeiten.

Was werden die größten Veränderungen im neuen Curriculum sein?
Wir nennen es ein Z-Curriculum, bei dem wir mit der Vorklinik beginnen, aber die Studierenden schon sehr viel früher in die klinischen Fächer, in die Patientenversorgung einbinden. Dadurch verbinden wir die beiden Bereiche in den bei den Studienabschnitten besser miteinander. Andere Universitäten haben daran auch bereits Interesse.

Wenn Sie einen Appell an die Bundesregierung richten würden, welcher wäre das?
Ich bitte darum, sich das Hochschulsystem in Österreich gesamthaft anzuschauen. Dass Österreich 77 Hochschulen hat, ist wahrlich übertrieben. Auch würde ich bitten, einige Gesetze anzupassen, um die Flexibilität der Universitäten zu erhöhen. Das will man aber wahrscheinlich nicht machen, weil das keine kurzfristigen Lösungen, sondern eher langfristige Prozesse sind, die unpopulär sein können. Was mir so sehr am Herzen liegt, ist die akademische Freiheit. Und die finde ich damit gefährdet. Das habe ich gesagt, als Trump kam und Stellen in der Forschung gestrichen hat. Jetzt bewegen wir uns in die gleiche Richtung. Die akademische Freiheit ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Es geht nicht nur um das Geld, das wir nicht bekommen, es geht um die Richtung die Österreich einschlägt und um die Gesinnung.

Textnachweis: Ärztekammer Steiermark, das Interview führte Beate Mosing