Die Temperatur beginnt im Kopf
Hitze und Kälte werden von Mensch zu Mensch unterschiedlich empfunden. Denn das Gehirn misst keine Grad Celsius, sondern wie sich das Wetter für uns anfühlt.
Das Thermometer sagt: 26 Grad. „Angenehm“, denken die einen, endlich ist es kühler, die Hitzewelle ist vorbei. „Eigentlich ein bisschen kalt“, finden die anderen, denn ihre „Betriebstemperatur“ beginnt bei 30 Grad und sie erleben Hitzeperioden als schöne Sommertage.
Wer hat recht? Beide, niemand bildet sich etwas ein. Denn zwischen dem Thermometer und der Wirklichkeit liegt das Gehirn, das aus derselben Temperatur für Jede*n eine etwas andere Erfahrung machen kann. Manche Menschen sind zum Chillen geboren, während andere für Hundstage gebaut sind.
Wie gibt es das? Die Haut misst, wie warm es ist. Tausende Thermorezeptoren auf dem ganzen Körper registrieren Wärme oder Kälte und schicken diese Signale über das Rückenmark ins Gehirn. Dort steuert eine Region namens Hypothalamus (siehe Infos und Quellen) das Temperaturempfinden. Der Hypothalamus verarbeitet die Signale, die von der Haut kommen, und gleicht sie mit der Temperatur des Blutes im Körperinneren ab, als würde er fragen: Wie warm ist der Körper wirklich - und wie warm sollte er sein? Abhängig davon, ob uns zu heiß ist oder nicht, entscheidet er über die Körperreaktion.
Wie der Körper sich kühlt
Wenn dem Körper zu heiß wird, setzt die Thermoregulation ein. Dabei senkt das Gehirn den Blutdruck und weitet die Gefäße, damit das Blut in die Randbereiche des Körpers gelangen, dort abkühlen und in der richtigen Temperatur zum Herz zurückkehren kann. Wenn das zu wenig hilft, dann schwitzen wir. Das Ziel dieser Reaktionen ist, die normale Körpertemperatur, die beim Menschen durchschnittlich bei zwischen 36,4 und 37,4 Grad liegt, konstant zu halten.
,,Dabei steht die Thermoregulation in Konkurrenz zum Kreislaufsystem. Denn das Kreislaufsystem hat den Zweck, den Blutdruck hochzuhalten, damit unser Lebenssaft wieder zurück zum Herz fließt und das Herz schlagen kann. Der Körper hat daher im Alltag normalerweise die Priorität, einen reibungslosen Blutdruck zu garantieren, damit alles funktioniert. Die Thermoregulation muss aber den Blutdruck senken, um gegen die Hitze zu wirken”, sagt Andreas Rössler, Professor für Physiologie der Medizinuniversität Graz, zur WZ. Wenn sie ihre Arbeit nicht rasch genug vollziehen kann, etwa weil die Gefäße sich nicht schnell genug weiten, kann der Körper überhitzen. Und wenn die Thermoregulation zu stark reagiert, sprich den Blutdruck zu sehr senkt, kann es zu einem Kreislaufkollaps kommen.
Bei Extremhitze kann die Balance also durcheinandergeraten. Körperliche Fitness, die Fitness des Herz-Kreislauf-Systems, Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, sowie Ablagerungen in den Blutgefäßen oder Rauchen spielen eine Rolle bei der Frage, wie schnell sich die Blutgefäße ausdehnen können, damit die ersehnte Kühlung eintritt, beziehungsweise wie schnell das Gleichgewicht kippen kann.
Der Unterschied zwischen Born to Chill- und Feel the Heat-Menschen ergibt sich aus dem angeborenen, persönlichen Schwellenwert zur Überhitzung. Jeder Mensch besitzt einen Schwellenwert im Gehirn, ab dem er oder sie gegenreguliert. Dieser Punkt, ab dem uns zu heiß wird, variiert. Ähnlich wie Menschen verschiedene Blutdruckwerte haben, Nahrung und Flüssigkeit anders aufnehmen und verarbeiten, oder besser oder schlechter schlafen, haben sie auch ein unterschiedliches Temperaturempfinden. „Das gilt für viele Parameter aus der Homöosthase, die für ein konstantes inneres Milieu sorgt. Der Hypothalamus achtet darauf, dass der Körper unsere Sollwerte, mit denen wir auf die Welt kommen, einhält“, sagt Rössler. Soll heißen: Der Körper ist darauf eingestellt, wie lange wir Abweichungen von unseren Sollwerten tolerieren.
„Wir sind tropische Wesen“
Wenn der Temperatur-Schwellenwert überschritten wird, warnen bestimmte Eiweiße auf den Nervenzellen, genannt TRP-Proteine, vor den höheren Temperaturen, indem sie dem Gehirn Schmerz melden. Außerdem geben sie den Zellen das Signal, bestimmte Hitzeschock-Proteine zu erzeugen, die wie ein Rettungsdienst hitzebedingte Schäden an anderen Eiweißen im Körper verhindern. Im Fokus der Forschung steht derzeit die Art der TRP-Proteine, die man besitzt. Manche genetischen TRP-Varianten lösen nämlich in Tierstudien schon bei niedrigeren Temperaturen einen Schmerzreiz aus. Und das wiederum könnte mit ein Grund sein, dass Menschen, die diese Genvarianten besitzen, schon Temperaturen ab 26 Grad als unangenehm empfinden.
Glücklicherweise sind wir unseren Genen nicht in jeder Hinsicht ausgeliefert. Der Hypothalamus ist nämlich nicht nur für die Aufrechterhaltung des inneren Milieus, sondern auch für die Anpassung an äußere Umstände zuständig. Etwa, indem er die Schweißdrüsen aktiviert oder sogar neue bildet, also ihre Dichte steigert und ihre Verteilung verbessert. Denn Schwitzen kühlt. Allerdings nur, solange wir den Schweiß nicht bemerken, weil er verdunsten kann. Sobald uns das Wasser herunterrinnt, ist die Kühlfunktion verloren. Spätestens dann fällt uns auf, dass wir die Klimaanlage hätten einschalten oder den Ort hätten wechseln müssen.
Wenn wir mehrere Wochen in einem heißen Klima bleiben oder dorthin übersiedeln, stellen sich die Schweißdrüsen um. Man schwitzt schneller und mehr und verliert dabei weniger Salz. Das Blutplasma verändert sich, es entstehen Salz- und Wasserspeicher in der Haut. Außerdem bilden sich mit der Zeit neue Blutgefäße direkt unter der Haut, die die Wärmeabgabe erleichtern. Und, wie man schon bei Reisen in den Süden bemerken kann: Man bewegt sich bei Hitze langsamer, macht Pausen, setzt sich öfter hin.
An Wärme können wir uns sogar leichter anpassen als an Kälte, sagt Physiologe Rössler. „Wir sind, wenn man so will, tropische Wesen.“ Diese Tropentauglichkeit lässt sich sogar aktiv trainieren. Zu den Hitzetrainings zählen regelmäßige Sauna-Besuche, Cardio-Trainings und Aufenthalte in heißer, feuchter Umgebung.
Keine reine Frage der Willenskraft
Auch der Stoffwechsel, die Hormone, das Alter und das Geschlecht beeinflussen ebenso wie Luftfeuchtigkeit oder Wind, Stress oder Medikamenteneinnahmen, wie gut wir mit Hitze umgehen können. Etwa wirken sich manche Antidepressiva auf die Ausschüttung des Hormons Vasopressin aus, welches einer Überhitzung entgegenwirkt: Wer solche Medikamente nimmt, hält Hitze schlechter aus. Andere medizinische Wirkstoffe wiederum werden bei hohen Temperaturen anders verstoffwechselt als sonst und somit anders vertragen. Bei Stress wird uns außerdem schneller heiß, im Alter dehnen sich die Gefäße schlechter, und Frauen vertragen Hitze im Allgemeinen nicht so gut wie Männer.
Ob wir leichter frieren oder Hitze besser vertragen, ist somit keine reine Frage der Willenskraft. Viele Faktoren bestimmen mit, wie effizient wir Wärme abgeben und wie rasch wir schwitzen. Erst das Zusammenspiel von Genen, Gehirn, Umwelt und Verhalten macht die Zahl auf dem Thermometer zur persönlichen Erfahrung, die in den allermeisten Fällen richtig ist.
Textnachweis: Eva Stanzl, Wiener Zeitung vom 2. Juli 2026