Das alternde Gehirn verstehen
Wo habe ich den Schlüssel hingelegt? Wie hieß noch gleich diese Schauspielerin? Und warum fühlt sich Multitasking plötzlich anstrengender an als früher? Solche Momente gehören zum Älterwerden – und sie verunsichern viele Menschen. Das Gehirn speichert unsere Erinnerungen, formt unsere Persönlichkeit, steuert Entscheidungen und Emotionen. Wenn sich hier etwas verändert, betrifft das nicht nur Funktionen, sondern auch unser Selbstverständnis.
„Doch Altern bedeutet nicht zwangsläufig Abbau“, weiß Marisa Koini. Sie beschäftigt sich an der Universitätsklinik für Neurologie im Fachbereich Neuropsychologie & Neuroscience mit alterungs- und krankheitsbedingten strukturellen sowie funktionellen Veränderungen des Gehirns, mit Biomarkern und den damit verbundenen Veränderungen der Kognition (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache, Orientierung etc.) sowie mit digitalen Technologien.
„Das alternde Gehirn zu verstehen, heißt, es ganzheitlich zu betrachten: Was ist die Ausgangslage, was noch altersnormal und was bereits auffällig?“, so die Forscherin. Ihre Vision ist die Entwicklung eines digitalen Zwillings, der neben biologischen Variablen (z. B. Hippocampusatrophie) auch Lebensstilfaktoren (z. B. körperliche Aktivität, Schlaf, soziale Isolation) und umweltbezogene Faktoren (z. B. Luftverschmutzung/Feinstaub) in der Prognose, Diagnose und Simulation kognitiver Verläufe berücksichtigt.
Was passiert im Gehirn, wenn wir älter werden?
Mit zunehmendem Alter verlangsamen sich manche Prozesse im Gehirn. Informationen werden etwas langsamer verarbeitet, Namen oder Begriffe fallen uns manchmal nicht sofort ein, und wir denken: „Es liegt mir auf der Zunge.“
Dabei können auch Aktivitäten des täglichen Lebens betroffen sein – etwa beim Autofahren, wenn es um die Orientierung geht, im Umgang mit Geld oder beim Erledigen des Haushalts. Gleichzeitig bleiben andere Fähigkeiten erstaunlich stabil oder entwickeln sich sogar weiter. Dazu zählen beispielsweise Erfahrung, Überblickswissen, Expert*innenwissen, emotionale Stabilität, geringere Stresssensitivität und die Fähigkeit, komplexe Situationen einzuordnen.
Aus neuropsychologischer Sicht ist Altern daher kein einheitlicher Prozess, sondern sowohl intra- als auch interindividuell hoch variabel. Auch Gehirne altern individuell. Die Geschwindigkeit der Hirnalterung hängt von genetischen Voraussetzungen, Lebensstil, Bildung, sozialen Erfahrungen und gesundheitlichen Faktoren ab – und sie verläuft unabhängig von der initialen kognitiven Ausgangslage.
„Die gute Nachricht ist: Unser Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar und veränderbar. Es kann sich sowohl beim Lernen als auch nach bestimmten Schädigungen anpassen und sogar Defizite kompensieren“, erklärt Marisa Koini. Diese Anpassungsfähigkeit nennt man neuronale Plastizität. Sie ist eine der wichtigsten Ressourcen des gesunden Alterns, um Faktoren wie der Abnahme des Gehirnvolumens, der Ausdünnung der grauen Substanz, Veränderungen der weißen Substanz oder der Erweiterung der Ventrikel entgegenzuwirken.
Neuronale Plastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, sich strukturell und funktionell als Reaktion auf Erfahrung, Lernen, Umwelt, Alterungsprozesse oder auch Schädigungen zu verändern und anzupassen. Unser Gehirn ist somit nichts Starres oder Unveränderliches, sondern etwas Dynamisches, das bis ins hohe Alter plastisch und formbar bleibt.
Altersnormal oder beginnende Demenz?
Eine der häufigsten Sorgen lautet: „Ist das noch normal oder schon krankhaft?“ Gelegentliches Vergessen gehört zum gesunden Altern dazu. Kritisch wird es, wenn Gedächtnisprobleme den Alltag deutlich beeinträchtigen: wenn vertraute Wege nicht mehr gefunden werden, Gespräche nicht mehr nachvollzogen werden können oder Aufgaben, die früher selbstverständlich waren, nicht mehr gelingen.
Ein wichtiger Unterschied liegt auch im Erleben der Betroffenen selbst. Viele Menschen mit beginnenden kognitiven Veränderungen (Mild Cognitive Impairment, MCI) nehmen diese sehr wohl wahr – oft früher als ihr Umfeld. Sie berichten von erhöhter Anstrengung, schneller Erschöpfung oder dem Gefühl, „nicht mehr ganz so zu funktionieren wie früher“. Diese frühen Signale werden im Alltag jedoch häufig übersehen oder bagatellisiert, sollten frühzeitig abgeklärt werden.
„Im Rahmen einer neurologischen Abklärung wird an der Univ.-Klinik für Neurologie auch eine neuropsychologische Untersuchung durchgeführt. Diese beinhaltet die Erfassung möglicher Defizite in Gedächtnis, Aufmerksamkeit, exekutiven Funktionen, Sprache u. a. Neben Papier-Bleistift-Tests kommen auch computerisierte Verfahren zum Einsatz“, erklärt Marisa Koini.
Risiko erkennen und beeinflussen
„Ob und wie unser Gehirn altert, ist kein Zufall. Studien zeigen, dass es zahlreiche modifizierbare Risikofaktoren gibt, die einen kognitiven Abbau begünstigen bzw. als Risikofaktoren für Demenz gelten“, erklärt Marisa Koini: geringere Bildung, eingeschränkte Hörfähigkeit, hoher Cholesterinspiegel, Depressionen, Kopfverletzungen, Bewegungsmangel, Diabetes Typ 2, Rauchen, Bluthochdruck, starkes Übergewicht, übermäßiger Alkoholkonsum, soziale Isolation und Einsamkeit, Luftverschmutzung sowie nachlassendes Sehvermögen. Diese Faktoren beziehungsweise deren Prävention, Reduktion und Therapie beeinflussen die sogenannte kognitive Reserve, die als Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegenüber altersbedingten Veränderungen verstanden werden kann.
Dabei gibt es kein „zu spät“. Auch im höheren Lebensalter profitieren Gehirn und Psyche von neuen Herausforderungen. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Regelmäßigkeit und Vielfalt. So kann eine Fremdsprache oder ein Instrument auch in der Pension erlernt werden. Reines Üben einzelner Aufgaben führt selten zu breiten Verbesserungen im Alltag. Wirksam sind vor allem Aktivitäten, die mehrere Fähigkeiten gleichzeitig fordern – Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Planung und soziale Interaktion. Gemeinsam mit körperlicher Aktivität und ausgewogener Ernährung können sie sich positiv auf die Kognition auswirken. Digitale Trainingsprogramme mittels Apps oder Virtual Reality (VR) können dabei unterstützen, insbesondere wenn sie gut angepasst und sinnvoll eingebettet sind. Sie ersetzen jedoch kein aktives, vielfältiges Leben. Kreuzworträtsel und Sudoku allein reichen nicht – Abwechslung ist der Schlüssel.
Technik und Demenzrisikoforschung: die Zukunft der Früherkennung
Digitale Technologien wie adaptive Tests mit KI-Auswertung, sensorbasierte Verfahren wie Eyetracking, Wearables oder Sprachaufzeichnungen, Virtual- oder Augmented-Reality-Anwendungen (z. B. Navigationstests) oder passive digitale Marker wie Smartphone-Nutzungsmuster eröffnen neue Möglichkeiten, kognitive Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Die Kombination dieser Technologien mit etablierten Methoden sowie Modellen der künstlichen Intelligenz kann künftig Ärzt*innen in der Früherkennung unterstützen. Sie ersetzt jedoch nicht das persönliche Gespräch und die klinische Erfahrung.
Das Projekt LETHE-AT verbindet digitale Technologien mit persönlicher Beratung, um das individuelle Demenzrisiko frühzeitig zu erkennen und gezielt zu reduzieren. Die Interventionsstudie untersucht, ob die Änderung von Lebensstilfaktoren (z. B. Ernährung, körperliche Aktivität, kognitives Training) zur Demenzprävention beiträgt.
Über einen Zeitraum von 18 Monaten nehmen insgesamt 120 Personen an der Studie teil. „Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die Entwicklung eines IT-gestützten hybriden Präventionsprogramms sowie für die Erstellung von Leitlinien und einer Roadmap zur Einführung sogenannter Brain Health Services – innovative Gedächtnisambulanzen der nächsten Generation“, beschreibt Marisa Koini die Intention des Projekts.
Eine Teilnahme ist noch möglich. Details unter: https://www.lethe.at/
Tipps für ein gesundes Gehirn
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität fördert die Durchblutung und Plastizität des Gehirns.
- Soziale Kontakte: Gespräche, Beziehungen und gemeinsames Tun schützen messbar vor kognitivem Abbau.
- Geistige Herausforderung: Neues lernen, Gewohnheiten variieren, neugierig bleiben.
- Schlaf und Stress: Erholung ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Gedächtnis und Konzentration.
- Ernährung: Eine mediterrane Ernährung kann das Gehirn schützen.