Bewegung als Medizin

Gesundheit Healthy-Aging

Wenn körperliche Aktivität zur Therapie wird.

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Ein Spaziergang, eine Radtour oder ein gezieltes Training – Bewegung ist weit mehr als nur Freizeitgestaltung. Regelmäßige Bewegung hält nicht nur fit, sondern kann auch Krankheiten vorbeugen, Therapien unterstützen und die Lebensqualität deutlich verbessern. In der modernen Medizin gilt körperliche Aktivität daher längst als feste Säule der Behandlung. Unter dem Begriff „Bewegung als Medizin“ versteht man den gezielten, evidenzbasierten Einsatz von Training zur Prävention, Therapie und Rehabilitation. Ähnlich wie ein Medikament wird Bewegung dabei individuell „dosiert“: Intensität, Dauer und Häufigkeit werden angepasst und im Verlauf regelmäßig überprüft. Zahlreiche Studien belegen positive Effekte bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Adipositas, Krebs sowie bei muskuloskelettalen und psychischen Erkrankungen. 

Auch Othmar Moser von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Medizinischen Universität Graz beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema. Er forscht unter anderem an internationalen Leitlinien zu Diabetes und Sport sowie an der Kombination von Trainingstherapie mit modernen medikamentösen Ansätzen. Zudem ist er Professor für Leistungsphysiologie und Trainingstherapie am Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit der Universität Graz. Ein wichtiger Forschungsbereich ist die Kombination von Trainingstherapie mit modernen medikamentösen Therapien, um deren Wirksamkeit zu verbessern und langfristige Behandlungserfolge zu sichern: „In unserer Abteilung beschäftigen wir uns beispielsweise mit der Frage, wie Trainingstherapie die Effekte von Inkretinbasierten Therapien bei Adipositas unterstützen, die Therapieadhärenz bei Menschen mit Typ-2-Diabetesb und onkologischen Erkrankungen verbessern oder langfristig diabetesbedingte Folgeerkrankungen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes reduzieren kann. Ziel ist es, Trainingstherapie künftig noch präziser, personalisierter und krankheitsspezifischer einzusetzen“, erklärt Othmar Moser.

Warum Bewegung im ganzen Körper wirkt

Trainingstherapie wird häufig als „multipotente Medikation“ bezeichnet – und das aus gutem Grund. Während Medikamente meist gezielt einzelne Prozesse beeinflussen, wirkt Bewegung gleichzeitig auf zahlreiche Systeme im Körper. Laut Othmar Moser ist es besonders bemerkenswert, dass Trainingstherapie zu den wenigen therapeutischen Maßnahmen zählt, deren Nutzen über nahezu alle großen Krankheitsgruppen hinweg nachgewiesen wurde. „Unabhängig davon, ob es sich um metabolische, kardiologische, onkologische, neurologische oder orthopädische Erkrankungen handelt, stellt Trainingstherapie häufig einen wesentlichen Bestandteil der Behandlung dar.“ Ein wesentlicher Schlüssel liegt in der Muskulatur. Sie gilt heute als größtes endokrines Organ des Körpers. Bei jeder Muskelkontraktion werden Botenstoffe – sogenannte Myokine – freigesetzt, die nicht nur lokal wirken, sondern unter anderem Gehirn, Leber, Fettgewebe, Gefäße und Immunsystem beeinflussen. „Die gleichzeitige Modulation metabolischer, kardiovaskulärer, immunologischer und muskulärer Signalwege erklärt, warum Bewegung und Trainingstherapie bei einer Vielzahl chronischer Erkrankungen einen festen Stellenwert in Prävention, Therapie und Rehabilitation einnehmen“, beschreibt Othmar Moser die umfassenden Effekte.

Training als Therapie bei chronischen Erkrankungen 

Die biologischen Anpassungen spiegeln sich auch in messbaren gesundheitlichen Effekten wider: Bewegung senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verbessert den Stoffwechsel und stärkt das Immunsystem. Auf molekularer Ebene spielen dabei komplexe Prozesse eine Rolle: „Während körperlicher Belastung aktiviert die Muskelkontraktion insulinunabhängige Signalwege, insbesondere über AMPK. Dadurch werden GLUT-4-Transporter an die Zellmembran gebracht und die Glukoseaufnahme in die Muskulatur deutlich erhöht. Dieser Mechanismus verbessert nicht nur akut die Glukoseverwertung, sondern steigert auch die Insulinsensitivität über mehrere Stunden bis Tage nach der Belastung. Gleichzeitig fungiert die kontrahierende Skelettmuskulatur als endokrines Organ und setzt Myokine wie IL-6 frei, die in diesem Zusammenhang entzündungshemmend wirken, die Freisetzung von TNF-α hemmen und weitere antiinflammatorische Signalwege aktivieren“, erklärt Othmar Moser. Besonders gut untersucht sind diese Effekte bei Stoffwechselerkrankungen. Othmar Moser erläutert, dass insbesondere bei Typ-2-Diabetes und Adipositas zahlreiche randomisierte Studien und Meta-Analysen zeigen, dass strukturierte Bewegung und Trainingstherapie Effektstärken erreichen können, die in ausgewählten Bereichen mit pharmakologischen Interventionen vergleichbar sind. So lassen sich klinisch relevante Verbesserungen der Blutzuckerkontrolle, der Körperzusammensetzung sowie zentraler kardiometabolischer Risikofaktoren erzielen. Gleichzeitig werden die körperliche Leistungsfähigkeit, die funktionelle Kapazität und die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessert. Wichtig ist dabei: Bewegung und Medikamente sind keine Gegensätze. In vielen Fällen ergänzen sie sich optimal und führen gemeinsam zu besseren Behandlungsergebnissen.

Bewegung schützt, bevor Krankheiten entstehen

Die Wirkung von Bewegung entfaltet sich nicht erst im Krankheitsfall. Regelmäßige Aktivität zählt zu den wirksamsten Maßnahmen der Prävention. „Basierend auf umfangreichen epidemiologischen Studien und Meta-Analysen ist eine höhere körperliche Aktivität mit einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebserkrankungen, Demenz, Depressionen und vorzeitige Mortalität assoziiert“, erklärt Othmar Moser. Dabei gilt eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: je mehr Bewegung, desto größer der Nutzen. Der größte gesundheitliche Gewinn entsteht jedoch bereits dann, wenn man von Inaktivität zu regelmäßiger Bewegung übergeht. Doch kann man Bewegung wie ein Medikament verschreiben? Aus medizinischer Sicht lautet die Antwort: ja. Trainingstherapie wird zunehmend individuell geplant – ähnlich wie eine medikamentöse Behandlung. „Grundlage dafür sind eine medizinische Eingangsuntersuchung sowie leistungsdiagnostische Verfahren zur Erfassung der kardiorespiratorischen Leistungsfähigkeit, der Muskelkraft und der funktionellen Kapazität. Basierend auf diesen Ergebnissen werden Intensität, Dauer, Frequenz und Trainingsform nach dem Prinzip der Dosis-Wirkungs-Beziehung individuell festgelegt und im Verlauf regelmäßig angepasst“, so Othmar Moser. 

Besonders empfohlen wird eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining: „Beide Trainingsformen rufen unterschiedliche, sich ergänzende physiologische Anpassungen hervor und erzielen gemeinsam die größten gesundheitlichen Effekte“, betont Othmar Moser. Auch in der Praxis zeigt sich das Potenzial: Laut dem Experten unterstreichen die bisherigen klinischen Erfolge, die hohe Adhärenz von über 80 Prozent sowie die ausgesprochen positiven Rückmeldungen der Patientinnen und Patienten den Nutzen einer strukturierten und personalisierten Trainingstherapie. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. So betont Othmar Moser, dass die besten Ergebnisse erzielt werden, wenn medizinische Therapie, Trainingstherapie, Ernährungsmedizin und psychologische Betreuung eng miteinander verzahnt sind.

Gibt es auch ein Zuviel an Bewegung?

Wie jede Therapie kann auch Bewegung bei falscher Dosierung Risiken bergen – etwa Verletzungen oder Überlastungsbeschwerden. Othmar Moser stellt klar, dass die verfügbare Evidenz jedoch zeigt, dass die gesundheitlichen Vorteile einer strukturierten Trainingstherapie die potenziellen Risiken deutlich überwiegen. Eine echte Überdosierung ist bei professioneller Betreuung selten. Durch individuelle Anpassung und medizinische Begleitung lassen sich Risiken gut kontrollieren – während Bewegungsmangel deutlich schwerwiegendere Folgen für die Gesundheit hat.

Jeder Schritt zählt

Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Bewegung gehört zu den effektivsten Maßnahmen für Gesundheit und gesundes Altern. „Wenn ich Bewegung verschreiben müsste, würde das Rezept ähnlich aussehen wie bei einer medikamentösen Therapie: Zunächst erfolgt eine medizinische Untersuchung, darauf aufbauend wird eine personalisierte Trainingstherapie verordnet, die in den meisten Fällen eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining umfasst. Entscheidend sind die richtige Intensität, Dauer und Frequenz sowie eine regelmäßige Anpassung im Verlauf“, fasst Othmar Moser zusammen. Gleichzeitig gilt: Es ist nie zu spät, aktiv zu werden. Schon kleine Veränderungen können große Wirkung zeigen. Entscheidend ist, eine Form der Bewegung zu finden, die Freude macht und langfristig in den Alltag passt. Denn kaum eine andere Maßnahme hat einen so breiten Einfluss auf Gesundheit, Lebensqualität und ein gesundes Altern wie regelmäßige Bewegung.

Was passiert im Körper, wenn wir uns bewegen?

Während körperlicher Aktivität nimmt die Muskulatur vermehrt Glukose aus dem Blut auf und nutzt sie als Energiequelle. Dadurch verbessert sich die Blutzuckerregulation und die Insulinempfindlichkeit der Zellen steigt – ein Effekt, der noch Stunden bis Tage nach der Belastung anhält. Gleichzeitig setzt die arbeitende Muskulatur Myokine frei. Diese fördern entzündungshemmende Prozesse, unterstützen den Stoffwechsel und tragen zur Regeneration bei. Insgesamt verbessert Bewegung so die Glukosehomöostase, erhöht die metabolische Flexibilität und kann chronische Entzündungen reduzieren.

Weitere Informationen

Othmar Moser

Priv.-Doz., Mag.rer.nat.
Othmar Moser
PhD

Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie
Medizinische Universität Graz

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