Hitzeempfinden: Warum nehmen wir 30 Grad als heiß wahr?

Gesundheit

Andreas Rössler spricht mit Michael Loibner in der Presse über unser Hitzeempfinden.

Eine Hand hält ein klassisches Thermometer, das +40 Grad Celsius anzeigt, gegen die Sonne. Eine Hand hält ein klassisches Thermometer, das +40 Grad Celsius anzeigt, gegen die Sonne. Die Temperatur steigt. - © Corri Seitzinger - stock.adobe.com

Es klingt paradox: Obwohl wir Menschen eine Körpertemperatur von etwa 37 Grad haben, leiden wir unter Hitze, sobald die Quecksilbersäule im Freien über die 30-Grad-Marke klettert. Dabei ist die Luft doch kühler als unser eigener Körper. Wie sich dieser scheinbare Widerspruch auflösen lässt, erklärt Andreas Rössler, Physiologe an der Med-Uni Graz.

„Der Körper hat nicht überall die gleiche Temperatur. Die 37 Grad sind die Körperkerntemperatur. Die muss innerhalb eines recht engen Spielraums aufrechterhalten bleiben, damit wichtige biochemische Prozesse ablaufen können“, sagt Rössler. Diese Prozesse sind das Atmen oder die Verdauung: All das verbraucht Energie. Der Körper erzeugt somit – auch in Ruhe, mehr noch bei Anstrengung – Wärme. Um die Kerntemperatur konstant zu halten, wird diese Wärme an die Umgebung abgegeben. Jeder kennt das: Ein Raum, in dem sich viele Menschen befinden, heizt sich auf. Damit dieser Mechanismus funktioniert, muss die Umgebung kühler sein als der Körper selbst. „Luft ist jedoch ein schlechter Wärmeleiter“, sagt Rössler. Damit die Wärmeabgabe funktioniert, muss die Luft deutlich kühler sein. Andere Forschungsteams haben errechnet, dass die ideale Lufttemperatur für einen Menschen, der gerade keiner nennenswerten körperlichen Betätigung nachgeht, rund 21 Grad beträgt. Bei über 30 Grad tun sich viele Menschen mit der Wärmeabgabe besonders schwer. Der Körper muss durch Schwitzen für zusätzliche Kühlung sorgen.

Wasser hingegen leitet Wärme besser, sagt Rössler. Da werden rund 30 Grad als angenehm empfunden. Wir kühlen uns auch gerne im Schwimmbad ab, da die überschüssige Körperwärme im Wasser besser abgegeben werden kann als an der Luft. Andersrum: In der Sauna ist es bei trockener Luft erträglich, bis der Aufguss kommt und die heißen Wassertröpfchen in die Luft schwirren.

Ob man Hitze als unangenehm empfindet, ist individuell verschieden und situationsabhängig. Rössler: „Jeder Mensch hat Wärme- und Kälterezeptoren, die am Körper unterschiedlich verteilt sind. An den Fingern oder an den Lippen hat man viele davon, am Oberschenkel oder am Rücken weniger. Diese Thermorezeptoren registrieren keine absoluten Temperaturwerte. Wir können also nicht durch Fühlen feststellen, wie viel Grad genau die Umgebung hat. Die Rezeptoren registrieren vielmehr Temperaturunterschiede. Diese Signale werden dann in der zuständigen Gehirnregion, im Hypothalamus, als heiß oder kalt interpretiert.“ Rössler verweist auf den Weberschen Versuch: Hält man eine Hand einige Minuten lang in kaltes und die andere Hand gleichzeitig in warmes Wasser, und taucht dann beide Hände in Wasser mit mittlerer Temperatur, dann fühlt sich diese Temperatur an der einen Hand warm und an der anderen Hand kalt an.

Über einen Zeitraum von mehreren Wochen ist es dem Körper möglich, sich an neue Umgebungsbedingungen anzupassen, weiß Rössler, wobei es leichter fällt, sich an Hitze zu gewöhnen als an Kälte. Kinder haben übrigens eine geringere Toleranz gegen extreme Temperaturen. Weil sich die Thermoregulation erst mit der Pubertät voll entwickelt, schwitzen sie weniger und frösteln leicht.

Textnachweis: Michael Loibner, Die Presse; 2. August 2026